©LigaInsider/Getty ImagesTop-Elf-Prognose: SV Werder Bremen im Check
In diesem Top-Elf-Check richten wir den Fokus auf den SV Werder Bremen. An der Weser wird nach dem abgewendeten Super-GAU der Vorsaison der sportliche Reset-Knopf gedrückt. Die Vereinsführung um Clemens Fritz zieht nach dem späten Klassenerhalt auf Platz 15 die Konsequenzen aus einer zähen, von spielerischer Armut geprägten Spielzeit und leitet an der sportlichen Basis einen Kurswechsel ein.
Cheftrainer Daniel Thioune, der die Mannschaft erst im Februar stabilisierte, darf sein Konzept nun erstmals in einer vollen Sommer-Vorbereitung implementieren. Thioune verordnet dem Team ein variables 4-3-3-System, das auf maximale Intensität und bedingungsloses Gegenpressing getrimmt ist.
Das neue taktische Kleid offenbart beim Blick auf das Personal jedoch noch Risse. Zwar konnte die Torwart-Rochade nach dem Abgang von Mio Backhaus durch den fixen Transfer von Karl Hein schnell gelöst werden, doch die Defensivreihe dahinter gleicht einem Puzzle. Die ungeklärten Personalien um Marco Friedl und Marktwert-Riese Karim Coulibaly müssen von der sportlichen Führung geklärt werden. Clemens Fritz steht außerdem vor der Mammutaufgabe, mit limitierten finanziellen Mitteln eine neue, torgefährliche „Königslösung“ für das Sturmzentrum zu finden und gleichzeitig das fragile Mannschaftsgerüst bundesligatauglich aufzustellen.
Top-Elf: Karl Hein (24)
Nachdem Mio Backhaus für eine stattliche Summe von 12 Millionen Euro (plus 3 Millionen an möglichen Boni) zum SC Freiburg gewechselt ist, hinterlässt er an der Weser eine Lücke, die nun Hein schließen soll. Der 24-Jährige fungierte in der abgelaufenen Spielzeit noch als die Nummer zwei, wusste aber im Saisonverlauf – insbesondere bei seiner zweiwöchigen Vertretung am 5. und 6. Spieltag – auf ganzer Linie zu überzeugen. Das dürfte mit ein Hauptgrund gewesen sein, warum Werder nicht lange fackelte, die vertraglich verankerte Ausstiegsklausel in Höhe von rund 3 Millionen Euro zog und Hein fest vom Arsenal FC verpflichtete. Mit dem 1,93 Meter großen Hünen im Kasten, der vom Klub auch offiziell als neue Nummer eins bezeichnet wurde, dürfte Werder auf der Torwartposition für die anstehende Saison gut aufgestellt sein.
Rechter Außenverteidiger: Mitchell Weiser | Alternative: Felix Agu (26)
Nach dem Abgang von Leihspieler Yukinari Sugawara (26, Southampton FC) klafft auf der rechten Abwehrseite aktuell noch ein Loch. Routinier Mitchell Weiser hat hier aktuell die Nase vorne. Nach seinem bitteren Kreuzbandriss und dem damit verbundenen Komplettausfall in der Vorsaison brennt der 32-Jährige auf sein Comeback. Im fitten Zustand ist er die unangefochtene Achse im Bremer Spiel – allerdings verlangt ihm die Rolle in der Viererkette defensiv deutlich mehr ab als seine frühere Paraderolle auf der Schiene.
Als Herausforderer dahinter lauert Felix Agu. Der 26-Jährige bringt enorme Dynamik und Flexibilität mit, da er beide Außenbahnen bespielen kann. Bleibt Agu über einen längeren Zeitraum vollkommen beschwerdefrei, wird er auf Einsatzzeiten drängen. Ob er auf der rechten oder linken Seite eingesetzt wird, hängt auch von weiteren Neuzugängen in der Außenverteidigung ab. Da seine Verletzungshistorie jedoch – genau wie Weisers Kaltstart nach der langen Pause – ein gewisses Risiko birgt, sollte die sportliche Führung noch einmal extern auf dem Transfermarkt nachlegen.
Rechter Innenverteidiger: Amos Pieper (28)
Pieper gehörte in der vergangenen Spielzeit zu den wenigen Konstanten im Bremer Defensivverbund. Selbst eine wochenlange Zwangspause aufgrund einer Risswunde am Knie warf den Innenverteidiger nicht dauerhaft aus der Bahn. Stand er voll im Saft, war Pieper in der Hintermannschaft der Grün-Weißen absolut gesetzt und strahlte Stabilität aus. Ausgestattet mit einem langfristigen Arbeitspapier bis 2029 wird der 28-Jährige auch in der kommenden Saison eine tragende Säule in den sportlichen Planungen einnehmen.
Linker Innenverteidiger: Marco Friedl (28) | Alternativen: Neuzugang, Karim Coulibaly (19)
Um den Werder-Kapitän ranken sich in diesem Transfersommer Spekulationen um einen Abgang, auch wenn sich Friedl (Vertrag bis 2028) zunächst voll auf die Weltmeisterschaft mit Österreich konzentrierte. Da die abgelaufene Saison für den gesamten Verein sportlich zäh verlief und der Klassenerhalt erst spät gesichert wurde, könnte sich bei einem wirtschaftlich lukrativen Angebot eine Trennung für beide Seiten anbahnen. Bleibt Friedl an Bord, ist ihm der Platz als linker Innenverteidiger jedoch sicher.
Dahinter lauert Coulibaly: Das Talent profitierte im Vorjahr von der Verletzungsmisere und spülte sich im Zuge dessen auf die Zettel internationaler Großklubs. Sollte ein Verkauf wider Erwarten ausbleiben, muss der Youngster allein aus wirtschaftlichen Gründen weiterhin eine gewichtige Rolle bei Werder spielen, um seinen Marktwert zu konservieren oder weiter auszubauen. Bleiben Friedl und Coulibaly, wäre auch die Rückkehr zu einer Dreierkette ein denkbares Szenario.
Linker Außenverteidiger: Olivier Deman (26) | Alternative: Neuzugang
Deman hat sich nach seiner Rückkehr (war zuvor wochenlang verletzt) in der zweiten Saisonhälfte festgebissen und zeigte sich dabei als verlässlicher Linksverteidiger. Damit konnte der Belgier, der 2023 für rund 4 Millionen Euro von Cercle Brügge an die Weser wechselte, erstmals über einen längeren Zeitraum nachhaltig im Werder-Trikot überzeugen. Aufgrund dieser Leistungen hat er auf der linken Abwehrseite aktuell die Nase vorn. Durch den Abgang von Isaac Schmidt (26) wird noch ein weiterer Außenverteidiger zum Team stoßen. Diesen erwarten wir Stand heute aber eher in einer Rolle als Herausforderer.
Defensives Mittelfeld: Senne Lynen (27)
Der Sechser hat zwar zweifellos nicht seine allerbeste Saison hinter sich, bleibt auf der defensiven Schlüsselposition im Bremer Mittelfeld aber dennoch vorerst unantastbar. Der Belgier besticht primär durch seine defensiven Qualitäten: Mit seiner Übersicht und vielen wichtigen Ballgewinnen ist er in der Lage, den Raum vor der Abwehrkette abzusichern – eine Qualität, die gerade im neuen 4-3-3-System mit einer echten, alleinigen Sechs absolut wichtig ist. Hinzu kommt seine enorme Bedeutung abseits des Rasens: Lynen hat sich an der Weser längst zu einem echten Führungsspieler entwickelt, der auch in der Kabine eine gewichtige Rolle einnimmt. Sofern auf dem Transfermarkt kein Klub mit einem hohen Angebot Ernst macht, bleibt er daher gesetzt.
Mit Dariusz Stalmach hat Werder einen talentierten zentralen Mittelfeldspieler verpflichtet, der perspektivisch Druck auf Lynen ausüben kann, auch wenn sein Profil eher das eines Achters ist.
Zentrales Mittelfeld: Jens Stage (29) | Alternative: Neuzugang
„Jens Stage war sicherlich die Lebensversicherung in dieser Saison, aufgrund der vielen Tore, die er geschossen hat, aufgrund der Art und Weise, wie er diese Mannschaft geführt hat“, lobte Cheftrainer Daniel Thioune seinen Mittelfeldmotor vor wenigen Wochen überschwänglich und warb damit vehement für einen Verbleib. Ein Verbleib des vielleicht wichtigsten Bremers ist jedoch wacklig: Stage war sich mit der TSG Hoffenheim einig und hat seinen Wechselwunsch offiziell hinterlegt. Da die Werder-Verantwortlichen jedoch stur blieben und ihre Lebensversicherung auf keinen Fall unter Wert verkaufen wollten, haben die Kraichgauer inzwischen anderweitig zugeschlagen (Nathan De Cat). Eine Wiederaufnahme des Falls Stage durch die TSG ist nur zu erwarten, falls dort durch neue Entwicklungen Bedarf entsteht.
Denkbar ist außerdem, dass noch andere Klubs vorstellig werden, wie zuletzt zum Beispiel der FC Kopenhagen, der die Bremer Ablösevorstellungen mutmaßlich jedoch nicht bedienen kann. Sollte Stage den Verein am Ende verlassen, wird Werder gezwungen sein, mit einem gestandenen, externen Stammspieler nachzulegen.
Zentrales Mittelfeld: Romano Schmid (26) | Alternative: Neuzugang
In eine ganz ähnliche Kerbe schlägt die Personalie Schmid. Da das Arbeitspapier des Österreichers dem Vernehmen nach im Sommer 2027 ausläuft, steht Werder vor dem klassischen Szenario: Verlängert Schmid nicht vorzeitig, muss der Verein ihn in dieser Transferperiode verkaufen, um einen späteren, ablösefreien Abgang zu verhindern. Schmid spielte zudem bei der Weltmeisterschaft mit Österreich auf der ganz großen Bühne vor, erzielte zum Auftakt auch ein Tor und erreichte mit seinem Team das Sechzehntelfinale (Aus gegen Spanien). Sollte er gehen, wird Werder auch hier extern investieren müssen. Inwieweit Cameron Puertas (27) dann wieder ein Thema wird, bleibt abzuwarten. Der Mittelfeldmann war im Vorjahr ausgeliehen, überzeugte nach anfänglichen Anpassungsproblemen hinten heraus aber und kehrt jetzt vorerst nach Saudi-Arabien zurück. Da Puertas im Gesamtpaket extrem teuer ist, steht ein fester Kauf jedoch auf wackeligen Beinen. Falls Schmid geht, den wir aktuell im zentralen Mittelfeld einplanen, könnte Puertas (der letzte Saison oft das Zentrum besetzte, während Schmid auf den Flügel auswich) diese Rolle übernehmen.
Rechtsaußen: Neuzugang | Alternativen: Justin Njinmah (25), Marco Grüll (27), Felix Agu (26)
Auf dem rechten Offensivflügel klafft im 4-3-3-System aktuell noch eine große Lücke im Bremer Angriffsspiel. Da Mitchell Weiser defensiv als Rechtsverteidiger gebraucht wird und der junge Spanier Chuki zunächst behutsam akklimatisiert werden soll, fahndet die sportliche Leitung im Hintergrund intensiv nach einem externen Flügelstürmer.
Sollte sich ein Transfer jedoch hinziehen, stehen dem Trainerteam gleich mehrere, völlig unterschiedliche Spielertypen als Alternativen zur Verfügung. Die erste Option ist Justin Njinmah, der mit seiner enormen Grundschnelligkeit jede Abwehrreihe vor Probleme stellen kann, in der Vorsaison vor dem Gehäuse allerdings noch zu oft die letzte Kaltschnäuzigkeit vermissen ließ. Als robusterer, physisch starker Gegenspieler drängt zudem Marco Grüll in die Formation, der nach einer durchwachsenen Premierensaison auf den Durchbruch brennt. Die defensivere Variante verkörpert schließlich Felix Agu: Der 26-Jährige kann bei Bedarf problemlos eine Reihe nach vorne geschoben werden, um die rechte Seite – auch als Gegengewicht zu Mitchell Weiser – dichtzumachen.
Linksaußen: Samuel Mbangula (22)
Mit einer Ablöse von rund 10 Millionen Euro (vorher bei Juventus unter Vertrag) ging Mbangula als zweitteuerster Transfer der Vereinsgeschichte mit einer riesigen Erwartungshaltung in seine Premierensaison. Erfüllen konnte er diese im ersten Jahr allerdings nicht. Der Belgier fand kaum Bindung zum Spiel, wurde phasenweise auf der ungeliebten linken Schienenposition verheizt und fand sich in der Rückrunde meist nur noch auf der Bank wieder. Das Vertrauen der sportlichen Führung in das Potenzial des 22-Jährigen ist dennoch ungebrochen. Im neuen 4-3-3-System darf Mbangula nun endlich auf seiner Lieblingsposition, dem linken Flügel, ran. Wir glauben fest daran, dass ihm im zweiten Jahr der Durchbruch an der Weser gelingt.
Stürmer: Neuzugang | Alternative: Cedric Itten (29)
Die Planstelle im Sturmzentrum war der Hauptgrund, warum Werder bis zum Schluss tief im Abstiegssumpf steckte. Die Neuner-Position erwies sich als absolute Schwachstelle: Königstransfer Victor Boniface (25) kam bereits mit Knieproblemen an die Weser, fiel fast die gesamte Spielzeit aus und verbuchte praktisch überhaupt keinen Impact auf den Klassenerhalt. Auch der im Winter als Notnagel geliehene Jovan Milošević (20) konnte zu selten Eigenwerbung betreiben und kehrt vereinbarungsgemäß zum VfB Stuttgart zurück.
Werder hat bereits reagiert und Cedric Itten verpflichtet. Der physisch starke Schweizer bringt die benötigte Wucht für die Box mit und ist im neuen System von Daniel Thioune als verlässlicher Wandspieler und wertvolle Option eingeplant. Allerdings sieht die sportliche Führung im bisherigen Zweitliga-Stürmer Itten wohl primär den Herausforderer. Das ausgegebene Ziel an der Weser bleibt klar: Clemens Fritz sucht weiterhin nach einer torgefährlichen Lösung auf dem Transfermarkt.
Voraussichtliche Top-Elf 26/27




Hein


Deman


Friedl


Pieper


Weiser


Stage


Mbangula


Neuzugang


Lynen


Schmid


Neuzugang
Der SV Werder Bremen begibt sich in der neuen Spielzeit auf eine sportliche Gratwanderung. Die Handschrift von Daniel Thioune ist klar erkennbar: Der Coach will weg vom reinen Reagieren und der Mannschaft einen aktiven, mutigen Offensivstil einimpfen. Dass dieser spielerische Neustart jedoch unter erschwerten Bedingungen stattfindet, liegt an den anhaltenden Dynamiken auf dem Transfermarkt. Solange Schlüsselpositionen im Mittelfeld wackeln und die dringend benötigte „Königslösung“ im Sturmzentrum auf sich warten lässt, bleibt das neue System ein fragiles Konstrukt.
Wie konkurrenzfähig die Bremer letztlich in die Saison gehen, entscheidet sich in den kommenden Wochen am Verhandlungstisch von Clemens Fritz. Gelingt es der sportlichen Leitung nicht, trotz des chronischen Geldmangels noch Qualität und Kaderbreite nachzulegen, droht Werder trotz aller taktischen Visionen erneut ein unruhiges Jahr im Tabellenkeller. Finden die Puzzleteile jedoch rechtzeitig zusammen, hat Thiounes Konzept definitiv das Potenzial, das Weserstadion wieder zu einer Festung zu machen, die attraktiven Offensivfußball beheimatet.
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