25 Millionen Euro für einen Stürmer, der beim VfB Stuttgart zunächst nicht automatisch in der ersten Elf steht: Die Verpflichtung von Dženan Pejčinović ist weniger als kurzfristiger Ersatz für einen Leistungsträger zu verstehen, sondern vielmehr als Investition in zusätzliche Qualität, taktische Möglichkeiten und die Zukunft. Der 21-Jährige kommt vom VfL Wolfsburg und unterschreibt langfristig bis 2031. Nach BILD-Informationen besitzt sein Vertrag zudem keine Ausstiegsklausel.
Das ist angesichts der Konkurrenz durchaus bemerkenswert. Deniz Undav ist im Sturm nach aktuellem Stand gesetzt. Hinzu kommt Ermedin Demirović, der trotz zwischenzeitlicher Wechselgerüchte klar erklärt hat, beim VfB bleiben zu wollen. Gleichzeitig verfügen die Schwaben mit Bilal El Khannouss, Chris Führich, Jamie Leweling, Leo Sauer, Badredine Bouanani und Tiago Tomás über weitere Optionen für die offensiven Positionen. Es geht bei Pejčinović deshalb zunächst weniger um die Frage, ob er Undav verdrängt – sondern darum, wie er sich in diesem hochkarätigen Offensivpuzzle positioniert. Demirović hat sich zu einem Verbleib bekannt, Führich Anfragen anderer Vereine abgeblockt. Lediglich bei El Khannouss steht ein möglicher Verkauf weiterhin im Raum.
Der VfB bekommt in Pejčinović in erster Linie einen klassischen Mittelstürmer. Seine große Qualität liegt dort, wo ein Angreifer letztlich den Unterschied machen soll: rund um den Strafraum und im Abschluss. In der vergangenen Bundesliga-Saison kam er auf 0,49 Tore und 3,15 Abschlüsse pro 90 Minuten. Er sucht konsequent den Weg in Abschlusspositionen, bewegt sich gut von seinem Gegenspieler weg und bevorzugt dabei klar seinen starken linken Fuß.
Gerade das Verhalten ohne Ball ist ein wichtiger Teil seines Spiels. Pejčinović wartet nicht ausschließlich im Strafraum auf Zuspiele, sondern arbeitet aktiv daran, Räume für den eigenen Abschluss zu schaffen. Gleichzeitig kann der 21-Jährige mit seiner Physis Bälle festmachen und als Wandspieler dienen. Technisch reicht es für Steil-Klatsch-Kombinationen und kurze Verbindungen, die eigentliche Stärke seines Spiels ist die Ballzirkulation aber nicht. Insbesondere im kurzen Passspiel besitzt er noch Entwicklungspotenzial.
Physisch bringt der 1,90 Meter große Angreifer bereits einiges mit. 3,21 gewonnene Luftduelle pro 90 Minuten unterstreichen seine Präsenz in diesem Bereich, wobei die Erfolgsquote von 36,4 Prozent gleichzeitig zeigt, dass aus der Quantität noch keine absolute Dominanz geworden ist. Seine Geschwindigkeit ist grundsätzlich ordentlich, allerdings liegt seine Stärke eher im Tempo nach einigen Metern als im explosiven ersten Schritt.
Auffällig ist außerdem, wie geradlinig Pejčinović agiert. Mit nur 0,62 Situationen pro 90 Minuten, in denen ihm der Ball abgenommen wurde, verliert er vergleichsweise selten auf diese Art den Besitz. Das sollte allerdings nicht mit außergewöhnlicher Pressingresistenz verwechselt werden: Er ist schlicht kein Angreifer, der permanent lange Dribblings oder progressive Läufe initiiert. Pejčinović soll Aktionen vielmehr abschließen, als sie über mehrere Stationen selbst zu entwickeln.
Dass Stuttgart darin nicht nur eine kurzfristige Ergänzung sieht, liegt auf der Hand. Pejčinović ist mit 21 Jahren mit Abstand der jüngste der drei prominenten Mittelstürmer. Undav ist 30, Demirović 28 Jahre alt. Bereits seine 41 Treffer in 49 deutschen U-Länderspielen zeigen zudem, wie konstant ihn sein Torinstinkt durch die verschiedenen Altersstufen begleitet hat.

Der statistische Vergleich macht vor allem eines deutlich: Pejčinović ist kein junger Undav. Der deutsche Nationalspieler besitzt von den drei Angreifern das mit Abstand vollständigste Profil im Spiel mit dem Ball. Undav kommt auf deutlich mehr Boxberührungen, Assists, erfolgreiche Pässe und Zuspiele ins letzte Drittel. Er ist nicht nur Endpunkt eines Angriffs, sondern kann sich fallen lassen, Kombinationen initiieren und andere Spieler in Szene setzen. Genau deshalb ist seine Stellung in der Stuttgarter Offensive so stabil.
Vom grundsätzlichen Spielertyp liegt Pejčinović näher an Demirović. Beide sind stärker auf die letzte Linie und den Strafraum ausgerichtet als Undav und leben stärker davon, Aktionen zu vollenden. Komplett deckungsgleich sind die Profile dennoch nicht. Pejčinović bringt besonders viel Präsenz in Luftduellen mit und wirkt noch stärker wie ein klassischer Zielspieler. Demirović bietet etwas mehr Erfahrung und Variabilität, während Pejčinović das klarere Entwicklungsprojekt darstellt.
Spannend ist deshalb vor allem die Kombination mit Undav. In einem System mit zwei Spitzen könnten sich beide Profile durchaus ergänzen: Undav kann sich aus der ersten Linie lösen, zwischen den Linien auftauchen und Verbindungen herstellen, während Pejčinović die letzte Linie bindet und konsequenter den Strafraum besetzt. Als Partner von Undav ergibt Pejčinović auf dem Papier mehr Sinn denn als dessen Ersatz. Und genau hier liegt gleichzeitig der Knackpunkt für seine Einsatzchancen.
Hoeneß verfügt taktisch über mehrere Möglichkeiten. Ein 3-4-2-1 würde sich aufgrund der aktuellen Kaderstruktur gut anbieten, gleichzeitig wurde in der Sommervorbereitung bislang besonders häufig das 4-2-3-1 erprobt. Daneben sind ein 3-4-1-2 sowie ein 4-4-2 denkbar. Je nach Grundordnung stehen dadurch drei oder vier nominell offensive Spieler gleichzeitig auf dem Platz.
In unserer aktuellen Top-Elf haben Leweling, El Khannouss, Führich und Undav die Nase vorne. Im 4-2-3-1 ergibt sich daraus eine vergleichsweise klare offensive Viererreihe: Führich links, Leweling rechts, El Khannouss zentral und Undav im Sturm. In einem 3-4-2-1 würde Leweling eine tiefere Rolle auf der rechten Seite übernehmen, während El Khannouss und Führich hinter Undav agieren könnten.
Voraussichtliche Top-Elf 26/27




Seimen


Hendriks


Chabot


Jeltsch


Stiller


Prömel


Mittelstädt


Leweling


Führich


El Khannouss


Undav
Für Pejčinović bedeutet das: Sein unmittelbarster Konkurrent ist aktuell nicht Undav, sondern Demirović. Beide müssen entweder einen der momentan gesetzten Offensivspieler aus der Formation drängen – insbesondere El Khannouss – oder darauf hoffen, dass Hoeneß häufiger eine Grundordnung mit Doppelspitze wählt. Im 4-4-2 oder 3-4-1-2 würde neben Undav plötzlich ein zusätzlicher Platz im Angriff entstehen. Dann dürfte es zu einem direkten Duell zwischen Pejčinović und Demirović kommen.
Ein Abschied Demirovićs würde diese Konstellation natürlich verändern. Danach sieht es momentan aber nicht aus. Der Bosnier hat sich ausdrücklich zum VfB bekannt und erklärt, dass ein Wechsel für ihn kein Thema sei.
Auch die Höhe der Investitionen darf nicht mit einer Startelfgarantie verwechselt werden. Sie zeigt aber, wie breit Stuttgart für die Dreifachbelastung plant. Pejčinović kostet rund 25 Millionen Euro, Leo Sauer weitere 12,5 Millionen Euro plus mögliche Boni. 37,5 Millionen Euro Grundablöse für zwei junge Offensivspieler investiert ein Verein nicht mit dem Plan, beide dauerhaft nur am Ende der Rotation einzuordnen. Sauer und Pejčinović sollen sich entwickeln und gleichzeitig bereits in dieser Saison Substanz liefern.
Dasselbe gilt für Demirović, für den Stuttgart vor zwei Jahren selbst rund 23 Millionen Euro investierte. Der Konkurrenzkampf ist deshalb echt – und angesichts von Bundesliga, Champions League und DFB-Pokal auch notwendig. Selbst Spieler, die in einer theoretischen Top-Elf zunächst fehlen, können auf erhebliche Einsatzzeiten kommen.
Pejčinović löst beim VfB kein akutes Qualitätsproblem im Sturm. Stuttgart verpflichtet einen 21-Jährigen für viel Geld, obwohl mit Undav und Demirović bereits zwei etablierte Mittelstürmer im Kader stehen. Die Idee dahinter ist langfristiger: Der VfB verbreitert seinen Kader für drei Wettbewerbe, gewinnt ein zusätzliches taktisches Profil (Strafraumstürmer/Knipser) und sichert sich gleichzeitig einen der interessantesten jungen deutschen Angreifer langfristig ohne Ausstiegsklausel.
Spielerisch ist Pejčinović eher Demirović als Undav ähnlich, aber dennoch keine Kopie des Bosniers. Seine Stärken liegen besonders im Abschluss, in der Strafraumbesetzung, im Spiel ohne Ball und in seiner physischen Präsenz. Das Passspiel, die Nutzung des schwächeren rechten Fußes und vor allem die Explosivität auf den ersten Metern bieten dagegen noch Entwicklungspotenzial.
Für die sofortige Stammelf reicht das aus unserer Sicht noch nicht. Undav besitzt eine Sonderstellung, und auch El Khannouss, Führich und Leweling sehen wir in der aktuellen Konstellation vorne. Pejčinović startet damit gemeinsam mit Demirović als Herausforderer. Gerade eine Umstellung auf zwei Stürmer könnte seine Situation aber schlagartig verändern.
Prognose Bundesliga-Minuten 2026/27: 1.500 Minuten von 3.000 Minuten
Pejčinović dürfte regelmäßig eingewechselt werden und angesichts der Dreifachbelastung auch von Beginn an zum Zug kommen. Für deutlich mehr Bundesliga-Minuten müsste er sich entweder im direkten Konkurrenzkampf vor Demirović schieben, El Khannouss beziehungsweise einen anderen Offensivspieler aus der Top-Elf verdrängen oder von einer dauerhafteren Umstellung auf ein System mit zwei Spitzen profitieren.
Hinweis: Die Spielzeit ist abhängig von Sperren, Verletzungen, Mehrfachbelastung usw. – die Mehrfachbelastung der Vereine versuche ich ungefähr mit einzukalkulieren. Die ungefähre Maximalspielzeit pro Ligasaison liegt bei ca. 3.000 Minuten. Diese hat beispielsweise Patrick Mainka vom 1. FC Heidenheim erreicht, der weder gesperrt noch verletzt war und auch keine europäischen Wettbewerbe gespielt hat. Zum Vergleich liegen Spieler wie Dayot Upamecano oder Jonathan Tah bei rund 1.700 bis 2.000 Spielminuten und gelten dennoch als Stammspieler. Die Prognose der Spielzeit gilt deshalb als Anhaltspunkt für euch, um besser zu verstehen, welche Rolle ich einem neuen Spieler in seinem Verein zutraue.
Nächste Spiele
Mittleres ProgrammØ Liga 15,6
Basis: Vorsaison







Kommentare2
Diskutiere mit der Community über diesen Artikel