Liebe Insider,
ein Mitglied unserer Community hat uns auf eine spannende Untersuchung aufmerksam gemacht, die einen möglichen Zusammenhang zwischen den Stadionzuschauerzahlen und der Wettbewerbsintensität der Bundesliga beleuchtet. Adam Janicki hat dieses Thema im Rahmen seiner Bachelorthesis erforscht und die Ergebnisse für euch leicht verständlich aufbereitet. Wir fanden das Thema äußerst interessant und wollten es euch nicht vorenthalten, da es im Bundesliga-Umfeld, gerade angesichts der Bayern-Dominanz der letzten Jahrzehnte, von großer Bedeutung ist. Diskutiert gerne darüber mit in den Kommentaren!
Ist die Bundesliga uninteressant für Fans, weil der FC Bayern sowieso Meister wird?
Was eine Langzeit-Analyse der Bundesliga über Wettbewerbsausgeglichenheit und Zuschauerinteresse wirklich zeigt - von Adam Janicki
Jedes Jahr die gleiche Diskussion: Ist die Bundesliga noch spannend genug? Der FC Bayern dominiert seit Jahren, und immer wieder wird gefordert, den Wettbewerb ausgeglichener zu machen – etwa durch eine gerechtere Verteilung der TV-Gelder oder neue Wettbewerbsmodelle. Die Annahme dahinter klingt logisch: Je ausgeglichener die Liga, desto größer das Zuschauerinteresse.
Aber stimmt das wirklich?

In der Sportökonomie gibt es seit Jahrzehnten eine einflussreiche Theorie zu diesem Thema: die Uncertainty-of-Outcome-Hypothesis (kurz: UOH). Sie geht auf den Ökonomen Simon Rottenberg zurück und besagt vereinfacht: Zuschauer interessieren sich besonders dann für ein Spiel, wenn der Ausgang ungewiss ist. Eine Liga mit vielen Vereinen, die reale Chancen auf den Titel haben, müsste demnach spannender sein als eine Liga mit einem Dauer-Dominator.

Besonders in europäischen Fußballligen wird deshalb oft diskutiert, ob die wachsende finanzielle Ungleichheit zwischen den Vereinen einen Rückgang der Zuschauerzahlen begünstigen könnte.
Analysiert wurden alle Bundesliga-Saisons von 2000/01 bis 2024/25. Die drei Corona-Spielzeiten (2019/20 bis 2021/22) wurden bewusst ausgeschlossen, weil Geisterspiele und Zuschauerbegrenzungen die echten Zuschauerzahlen verfälscht hätten. Grundlage waren die offiziellen durchschnittlichen Zuschauerzahlen der Bundesliga.

Um zu messen, wie ausgeglichen der Wettbewerb war, kam der Herfindahl Index of Competitive Balance (HICB) zum Einsatz – ein in der Sportökonomie gängiges Maß.

Die Entwicklung des HICB in der Bundesliga sieht wie folgt aus:

Wie die Werte der Entwicklungen in Korrelation zueinander aussehen, lässt sich am besten in einem Streudiagramm darstellen:

Um zu prüfen, ob bzw. wie der HICB und Zuschauerzahlen zusammenhängen, wurde eine Korrelationsanalyse durchgeführt. Bevor es zur Auswertung kommt, kurz erklärt, was diese Fachbegriffe bedeuten:


Ergebnisse der Korrelationsanalyse (Quelle: eigene Berechnung in JASP)

Die Ergebnisse zeigen: Wie voll die Stadien sind, hängt von deutlich mehr Faktoren ab als nur von der Ausgeglichenheit des Wettbewerbs. Fußball ist eben kein gewöhnliches Wirtschaftsgut, bei dem Menschen rein rational abwägen.
● Emotionale Verbundenheit und jahrzehntelange Vereinstreue
● Regionale Identifikation mit dem eigenen Verein
● Eine stabile Fanbasis – auch bei sportlichem Misserfolg
● Die Anziehungskraft internationaler Topvereine und Stars
Dieser letzte Punkt hat sogar einen eigenen Namen in der Forschung: die Superstarhypothese. Sie besagt, dass herausragende Teams und weltbekannte Spieler zusätzliche Aufmerksamkeit erzeugen. Ein Spiel gegen den FC Bayern mit Harry Kane und Michael Olise ist für viele Zuschauer ein besonderes Erlebnis – ganz unabhängig davon, wie ausgeglichen die Liga insgesamt ist.
Das heißt nicht, dass Wettbewerbsbalance unwichtig ist. Ein fairer, spannender Wettbewerb bleibt wichtig für die sportliche Glaubwürdigkeit einer Liga. Die Untersuchung zeigt aber: Maßnahmen zur Verbesserung der Wettbewerbsbalance führen vermutlich nicht automatisch zu mehr Zuschauern. Die langfristige Attraktivität der Bundesliga stützt sich stattdessen auf mehrere Säulen:
● Starke Fanbindung
● Eine ausgeprägte Vereinskultur
● Moderne Stadien
● Attraktive Spitzenvereine mit Starspielern
Wie jede empirische Analyse hat auch diese Studie ihre Grenzen:
● Wettbewerbsbalance wurde nur mit dem HICB gemessen – andere Kennzahlen wie der C5-Index könnten zu anderen Ergebnissen führen.
● Weitere Einflussfaktoren wurden bewusst nicht einbezogen, etwa Ticketpreise, Wetter, Anstoßzeiten oder die mediale Reichweite einzelner Spiele.
● Die Untersuchung bezieht sich ausschließlich auf die Stadionzuschauer und nicht auf TV-Zuschauer.
● Künftige Studien sollten diese Faktoren zusätzlich betrachten, um ein noch vollständigeres Bild zu erhalten.
Die Diskussion über Wettbewerbsbalance wird den Profifußball weiter begleiten. Diese Untersuchung zeigt aber: Der Zusammenhang zwischen sportlicher Ausgeglichenheit und Zuschauerinteresse ist komplexer, als oft angenommen wird. Dabei wird Wettbewerbsbalance in der Öffentlichkeit häufig nur am Meisterschaftsrennen festgemacht – dabei war zuletzt auch der Kampf um Europapokalplätze und um den Klassenerhalt regelmäßig bis zum letzten Spieltag spannend und offen.
Die Bundesliga lebt nicht allein von der Spannung um die Meisterschaft. Sie lebt vor allem von ihren Fans – ihrer Loyalität, ihrer Identifikation mit den Vereinen und ihrer einzigartigen Stadionatmosphäre. Genau das scheint entscheidend dazu beizutragen, dass die Bundesliga trotz der sportlichen Dominanz der Bayern seit Jahren zu den zuschauerstärksten Fußballligen der Welt gehört.
Was meint ihr? Muss die Bundesliga revolutioniert werden, um mehr Wettbewerbsintensität zu ermöglichen, oder wird das Meisterschaftsrennen überbewertet und es gibt genug andere Gründe für die ihr ins Stadion geht?

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