Eintracht Frankfurt verstärkt sich mit Raphael Onyedika und schließt damit eine der größten Baustellen im Kader. Gemeinsam mit Noël Aséko soll er der Frankfurter Zentrale endlich die Stabilität und Verlässlichkeit verleihen, die ihr zuletzt häufig fehlte.
Onyedika wechselt von der Club Brügge KV an den Main. Je nach Quelle fließen 9 bis 10 Millionen Euro nach Belgien, hinzu kommen kleinere Bonuszahlungen. Angesichts eines von Transfermarkt taxierten Marktwerts von 23 Millionen Euro erscheint das zunächst wie ein überraschend günstiger Deal. Möglich wurde er vor allem, weil Onyedikas Vertrag in Brügge im kommenden Sommer ausgelaufen wäre.
Dass die Eintracht diese Gelegenheit nutzt, ist kein kurzfristiger Impuls. Der 25-Jährige stand bereits lange auf der Frankfurter Liste und bringt das Profil mit, nach dem die Verantwortlichen im zentralen Mittelfeld gesucht haben: Ballsicherheit, Athletik, internationale Erfahrung und die Fähigkeit, das Spiel aus einer tiefen Position zu lenken.
Onyedika ist kein Sechser, dessen Qualitäten sich über Tore, Vorlagen oder spektakuläre Einzelaktionen erschließen. Sein Wert liegt vor allem darin, dass er einer Mannschaft Struktur gibt. Der nigerianische Nationalspieler fordert viele Bälle, bietet sich im Aufbau konstant an und kann auch unter Druck saubere Lösungen finden. Für die Eintracht, die künftig wieder mutiger und kontrollierter von hinten herausspielen möchte, könnte genau das den entscheidenden Unterschied machen.
Die Zahlen aus der vergangenen Saison zeichnen ein eindeutiges Bild. Mit durchschnittlich 72,5 Ballberührungen und 59,9 Pässen pro 90 Minuten war Onyedika ein zentraler Fixpunkt im Spiel von Club Brügge.
Noch deutlicher wird seine Qualität bei der Verarbeitung dieser Ballkontakte. Onyedika brachte 90,2 Prozent seiner Pässe zum Mitspieler und zählt damit zur absoluten Ligaspitze auf seiner Position. Dabei beschränkt er sich nicht ausschließlich auf einfache Zuspiele zur Seite oder zurück in die letzte Linie. Der Rechtsfuß erkennt vertikale Passwege, kann gegnerische Linien überspielen und den Ball aus der ersten Aufbauphase kontrolliert ins Mittelfeld transportieren.
Eine gute erste Ballberührung bildet dafür die Grundlage. Schon vor der Annahme verschafft sich Onyedika einen Überblick über seine Umgebung und positioniert seinen Körper so, dass er möglichst direkt in die nächste Aktion übergehen kann. Dadurch benötigt er häufig nur wenige Kontakte, um das Spiel weiterzuleiten oder sich aus dem gegnerischen Druck zu lösen.
Genau diese Ruhe fehlte Frankfurt in der vergangenen Saison phasenweise. Sobald der Gegner die zentralen Anspielstationen aggressiv anlief, geriet der Aufbau zu häufig ins Stocken. Onyedika soll nun dabei helfen, solche Pressingsituationen sauberer aufzulösen und den Ball kontrolliert in die nächste Linie zu bringen.
Dazu passt seine starke Dribblingquote von 72,7 Prozent. Lange Läufe mit dem Ball oder Dribblings an mehreren Gegenspielern vorbei gehören jedoch nicht unbedingt zu seinem bevorzugten Repertoire. Doch muss er sich aus einer engen Situation befreien, besitzt Onyedika die technische und körperliche Qualität, einen Gegner zu überwinden und den Ball zu behaupten.

Die Grafik unterstreicht diesen Eindruck. Bei der Passgenauigkeit erreicht Onyedika das 100. Perzentil, bei den Schnittstellenpässen das 90. und bei der Dribblingquote das 93. Perzentil. Gleichzeitig liegt er bei den Ballverlusten mit einem Wert von 95 ebenfalls weit über dem Ligadurchschnitt – in diesem Fall bedeutet die hohe Einordnung, dass er den Ball besonders selten verliert.
Diese Mischung macht ihn zu einer verlässlichen Anspielstation im Aufbau. Onyedika drängt sich nicht bei jeder Aktion in den Vordergrund, hält das Spiel aber konstant am Laufen. Er kann das Tempo erhöhen, wenn sich eine vertikale Möglichkeit öffnet, besitzt gleichzeitig jedoch genügend Geduld, eine Aktion abzubrechen und neu aufzubauen.
So bekommt Frankfurt keinen Risikospieler, sondern einen Taktgeber. Gerade neben dynamischeren und offensiver denkenden Mittelfeldspielern kann das wertvoll sein. Onyedika gibt ihnen die Freiheit, höhere Positionen einzunehmen, weil er hinter ihnen als verbindendes Element zwischen Abwehr und Angriff arbeitet.
Seine Grenzen zeigen sich vor allem im letzten Drittel. Rund um den gegnerischen Strafraum taucht Onyedika vergleichsweise selten auf, entsprechend gering fällt sein Anteil an kreierten Chancen aus. Bei den Assists erreicht er lediglich das 32. Perzentil, bei den herausgespielten Großchancen sogar nur das 16.
Das ist allerdings nur bedingt problematisch. Frankfurt verpflichtet den Nigerianer nicht, damit er im letzten Drittel die Aufgaben eines Zehners übernimmt. Seine Rolle beginnt deutlich früher: Er soll den Ball sauber aus der eigenen Hälfte befördern, Anschlussoptionen schaffen und dafür sorgen, dass seine offensiveren Mitspieler überhaupt in vielversprechenden Positionen eingesetzt werden können.
Verbesserungspotenzial besteht trotzdem. Gelingt es Onyedika, seine guten technischen Voraussetzungen häufiger in gefährliche Aktionen zu übertragen, könnte sein Einfluss noch einmal deutlich wachsen. Bislang fehlt ihm stellenweise die letzte Konsequenz, wenn er sich doch einmal in höheren Zonen wiederfindet.
In der Summe ist sein Profil dennoch ausgesprochen komplett. Der 1,84 Meter große Mittelfeldspieler kombiniert Spielverständnis und technische Sauberkeit mit guten athletischen Voraussetzungen. Grundsätzlich ist Onyedika klar auf der Sechs zu Hause, sammelte in seiner Karriere aber auch Einsätze auf der Acht sowie in der Innenverteidigung. Seine Hauptaufgabe in Frankfurt dürfte trotzdem eindeutig im defensiven Mittelfeld liegen.
Obwohl Onyedika in erster Linie durch seine Fähigkeiten im Ballbesitz auffällt, ist er keineswegs ein reiner Schönwetterspieler. Seine Athletik ermöglicht es ihm, große Räume abzudecken und nach Ballverlusten schnell wieder hinter die Aktion zu kommen. Besonders bei zweiten Bällen ist er aufmerksam: In dieser Kategorie erreicht er das 95. Perzentil.
Auch seine pAdj-Werte bei Interceptions und Tacklings liegen mit 84 beziehungsweise 76 deutlich über dem Durchschnitt. Häufig erkennt er früh, wo der nächste Pass gespielt werden soll, schließt den Raum und greift erst im passenden Moment ein.
Diese Art zu verteidigen kann für das geplante Frankfurter Spiel enorm wichtig werden. Unter Adi Hütter soll die Eintracht wieder aggressiver nach vorne verteidigen und nach Ballverlusten schnell ins Gegenpressing kommen. Dafür braucht es hinter der ersten Pressinglinie einen Spieler, der offene Räume erkennt, zweite Bälle einsammelt und mögliche Gegenangriffe bereits im Ansatz unterbindet.
Onyedika bringt dafür die erforderliche Reichweite und Dynamik mit. Kommt er einmal zu spät oder wird überspielt, kann er durch seine Geschwindigkeit noch korrigierend eingreifen. Gleichzeitig hilft ihm seine Erfahrung dabei, nicht jeden Zweikampf überhastet zu suchen.
Besonders spannend ist das mögliche Zusammenspiel mit Noël Aséko. Der ebenfalls neu verpflichtete Mittelfeldspieler bringt Dynamik, Intensität und einen ausgeprägten Vorwärtsdrang mit. Während Aséko größere Räume attackieren und sich häufiger aus seiner Position lösen kann, soll Onyedika das Spiel absichern und aus der Tiefe ordnen.
Auf dem Papier ergänzen sich die beiden Profile hervorragend. Onyedika könnte als tieferer Spielgestalter agieren, während Aséko etwas höher und weiträumiger eingesetzt wird. Einer kontrolliert, der andere beschleunigt. Einer hält die Position, der andere darf aus ihr ausbrechen.
Eine solche Symbiose fehlte Frankfurt zuletzt. Während der VfB Stuttgart mit Angelo Stiller und Atakan Karazor, die TSG Hoffenheim mit Leon Avdullahu und Wouter Burger oder der 1. FSV Mainz 05 mit Kaishu Sano und Nadiem Amiri auf eingespielte zentrale Achsen bauen konnten, gelang es der Eintracht nicht, eine ähnlich konstante Kombination zu etablieren.
Immer wieder wurden Rollen verändert, Spieler mussten Aufgaben übernehmen, die nicht optimal zu ihrem Profil passten, oder die Balance zwischen Absicherung und Spielgestaltung fehlte. Mit Onyedika und Aséko besitzt Hütter nun zwei Kandidaten, die das Zentrum langfristig prägen könnten.
Voraussichtliche Top-Elf 26/27




Atubolu


Collins


Neuzugang


Onyedika


Koch


Neuzugang


Dōan


Aséko


Neuzugang


Burkardt


Uzun
Festgeschrieben ist diese Doppelsechs dennoch nicht. Hugo Larsson hat den Spekulationen über einen möglichen Abgang zuletzt eine Absage erteilt und betont, dass er sich in Frankfurt wohlfühle und keine Wechselpläne habe. Damit bleibt der Schwede ein ernsthafter Kandidat für die Startelf.
Daneben stehen Oscar Höjlund und Farès Chaïbi als weitere Optionen für die beiden zentralen Positionen im 4-2-2-2 bereit. Chaïbi kann zudem eine der beiden offensiveren Rollen übernehmen. Bei Ellyes Skhiri deutet dagegen vieles auf eine Trennung hin. Der Tunesier führt Gespräche mit anderen Vereinen und soll bei einem passenden Angebot abgegeben werden.
Für Hütter entsteht dadurch eine deutlich vielseitigere Auswahl. Onyedika und Aséko dürften zunächst als Favoriten auf die beiden Plätze gelten, doch Larsson erhöht den Konkurrenzkampf erheblich.
Onyedika kommt zwar noch mit Entwicklungspotenzial nach Frankfurt, aber keineswegs ohne Erfahrung. Für Club Brügge absolvierte er bereits 183 Pflichtspiele, wurde zweimal belgischer Meister und sammelte 24 Einsätze in der Champions League. Hinzu kommen 26 Partien für die nigerianische Nationalmannschaft.
Druck, Titelkämpfe und internationale Aufgaben sind für ihn daher längst kein Neuland mehr. Bei einer Ablöse von 9 bis 10 Millionen Euro bleibt das wirtschaftliche Risiko überschaubar – insbesondere im Verhältnis zu seinem Marktwert und seiner Erfahrung.
Entscheidend wird sein, wie schnell Onyedika die höhere Intensität der Bundesliga annimmt. In Belgien spielte er für eine Mannschaft, die viele Begegnungen über den eigenen Ballbesitz kontrollierte und ihren Gegnern häufig überlegen war. In Deutschland werden ihm weniger Zeit und Raum zur Verfügung stehen. Gleichzeitig dürfte er deutlich häufiger in Umschalt- und Zweikampfsituationen gefordert sein.
Seine technischen und athletischen Voraussetzungen sprechen dafür, dass ihm die Anpassung gelingen kann. Onyedika muss in Frankfurt nicht plötzlich zum offensiven Unterschiedsspieler werden. Er soll vielmehr dafür sorgen, dass seine Mitspieler ihre Stärken zuverlässiger einbringen können.
Nach langer Suche hat die Eintracht damit genau den Spielertyp verpflichtet, der ihrem Mittelfeld gefehlt hat: keinen spektakulären Achter, keinen reinen Abräumer und keinen ungestümen Box-to-Box-Spieler – sondern einen ballsicheren Sechser, der dem Spiel aus der Tiefe eine klare Ordnung gibt.
Onyedika dürfte bei Eintracht Frankfurt von Beginn an eine wichtige Rolle einnehmen. Die Hessen haben lange nach einem spielstarken Sechser mit seinem Profil gesucht. Vieles spricht deshalb dafür, dass er in der Zentrale einen Stammplatz erhält. Für ihn prognostiziere ich rund 2.200 von 3.000 möglichen Bundesliga-Spielminuten.
Hinweis: Die Spielzeit ist abhängig von Sperren, Verletzungen, Mehrfachbelastung usw. – die Mehrfachbelastung der Vereine versuche ich ungefähr mit einzukalkulieren. Die ungefähre Maximalspielzeit pro Ligasaison liegt bei ca. 3.000 Minuten. Diese hat beispielsweise Patrick Mainka vom 1. FC Heidenheim erreicht, der weder gesperrt noch verletzt war und auch keine europäischen Wettbewerbe gespielt hat. Zum Vergleich liegen Spieler wie Dayot Upamecano oder Jonathan Tah bei rund 1.700 bis 2.000 Spielminuten und gelten dennoch als Stammspieler. Die Prognose der Spielzeit gilt deshalb als Anhaltspunkt für euch, um besser zu verstehen, welche Rolle ich einem neuen Spieler in seinem Verein zutraue.
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