©Getty/LigaInsiderWege aus der Statik: DFB-Team gegen Paraguay
In das WM-Sechzehntelfinale gegen Paraguay geht Deutschland am Montagabend als klarer Favorit. Dennoch hinterließ die verdiente Niederlage gegen Ecuador Spuren. Obwohl das Spiel nach dem sicheren Gruppensieg sportlich bedeutungslos war, nährte der Auftritt die latenten Zweifel an der K.O.-Tauglichkeit des DFB-Teams.
Gegen den tiefen Block fehlten der Nagelsmann-Elf schlicht die Ideen, was sich in zähem Ball-Geschiebe äußerte. Wie statisch das deutsche Spiel wirklich war, zeigt die Pass-Statistik: Der Passweg von Antonio Rüdiger auf Jonathan Tah war mit 30 Pässen (5,7 % aller Team-Pässe) die meistgespielte Kombination, gefolgt vom direkten Rückpass (20 Pässe / 3,8 %). Fast zehn Prozent der Zuspiele zirkulierten somit wirkungslos in der eigenen Kette.
Dennoch bemängelte Trainer Julian Nagelsmann die Hektik im eigenen Spiel und die falsche Positionierung. Er hätte mehr Sicherheit in der Ballzirkulation bevorzugt, was zeigt, dass nicht nur zu viele Querpässe in der ersten Aufbaulinie, sondern auch die falschen vertikalen Wege gewählt wurden. Das Problem war auch strukturell bedingt, da Nathaniel Brown fehlte und sein Vertreter David Raum als Flankengeber ein anderes Profil aufweist.
Mit Paraguay wartet nun ein Gegner, der ähnlich aggressiv verteidigt, aber taktisch weniger sauber strukturiert agiert als Ecuador. Die Südamerikaner erwarten das DFB-Team womöglich ebenso im kompakten 4-4-2-Mittelfeldpressing. Sie laufen die vordere Kette selten hoch an, sondern verdichten das Zentrum, lauern auf Fehler und schalten bei Ballgewinnen blitzschnell um.
Auf dem Flügel liegt jedoch Deutschlands große Chance: Paraguays Außenbahnen sind anfällig für Positionswechsel und Überladungen. Die USA demontierten diese Defensive beim 4:1-Sieg mit einer ganz ähnlichen Struktur wie die der Deutschen. Wenn der wohl fitte Nathaniel Brown und die einrückenden Halbstürmer die linke Seite clever überladen, entstehen zwangsläufig Räume.

Prototypische Formationen aus dem USA-Spiel, wenn Paraguay (blau) wieder im 4-4-2, statt mit Fünferkette wie gegen Australien, aufläuft. Die USA überluden mit Christian Pulisic und Antonie Robinson die linke Seite.
Das DFB-Team darf das eigene Passspiel keinesfalls so träge wie gegen Ecuador gestalten. Ein statischer Aufbau lädt Paraguays aggressive Pressing-Trigger im Mittelfeld geradezu ein. Es gilt, die goldene Mitte zwischen der von Nagelsmann geforderten Passsicherheit und dem mutigen, vertikalen Drang in die sich öffnenden Lücken zu finden.
Da Paraguay im Mittelfeld vor allem die Sechser zustellt, kommt den Aufbauspielern in der hinteren Linie eine Schlüsselrolle zu. Joshua Kimmich wird im Aufbau vermutlich nicht sofort unter Druck gesetzt und kann die Angriffe mit präzisen Diagonalbällen initiieren.
Im Fokus steht auch Jamal Musiala, der sich zuletzt oft festlief. Dass er oft isoliert war, belegen die Tracking-Daten: Musiala gab 62 Laufangebote ab – Spitzenwert im Team –, wurde aufgrund der dichten Staffelung aber nur 24 Mal erfolgreich angespielt. Gegen Paraguay braucht er die Unterstützung seiner Kollegen, um seine Dribbelstärke in Tornähe auszuspielen.
Im Sturmzentrum bietet sich erneut ein Startelf-Einsatz von Deniz Undav an. Dann müsste Musiala wohl auf die Bank. Nagelsmanns Bedenken, dass der Stuttgarter seine Aufgaben gegen den Ball vielleicht nicht über 90 Minuten erfüllen kann, greifen in diesem Matchup kaum. Da Paraguay im Aufbau fast nur mit langen Bällen aus der Innenverteidigung operiert, ist ein konstant hohes, intensives Pressing der deutschen Stürmer ohnehin nicht notwendig.
Paraguay kann wieder auf Topstar Miguel Almirón zurückgreifen, der nach seiner Rotsperre ausgeruht ist. Gemeinsam mit Julio Enciso, der als variable, hängende Spitze gerne auf den linken Flügel ausweicht, bildet er das Herzstück der Offensive, auch wenn Enciso bei dieser WM noch keinen passenden Sturmpartner gefunden hat.

Direktes Spiel in die Spitze nach Balleroberung: Nach nicht einmal zwei Minuten schlägt der Distanzschuss von Matías Galarza im Tor der Türken ein.
Gleichzeitig wiegen zwei Ausfälle in Paraguays Achse schwer: Mittelfeld-Motor Diego Gómez fehlt gesperrt, was dem Zentrum Aggressivität raubt. Zudem fällt Innenverteidiger Omar Alderete verletzt aus. Ohne ihn verliert die Hintermannschaft ihre ordnende Hand und offenbarte schon gegen die USA deutliche Geschwindigkeitsdefizite in direkten Laufduellen.
Der Matchplan für das DFB-Team steht: Durch ein temporeiches Positionsspiel über die linke Seite muss der paraguayische Block in Bewegung gebracht werden. Wenn Deutschland die Trägheit ablegt, Kimmichs Freiheiten im Aufbau nutzt und Paraguays lange Befreiungsschläge durch effektives Doppeln im Keim erstickt, ist der Achtelfinal-Einzug absolut machbar.













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