Diese Spieler stehen unter Lustrinelli im Fokus
Mauro Lustrinelli ist offiziell als neuer Cheftrainer von Union Berlin vorgestellt worden. Ich erkläre euch, welche Spielprinzipien, möglichen Grundordnungen und Spieler künftig im Fokus stehen könnten – und an welchen Stellen im Kader für die kommende Transferphase noch Bedarf besteht.
Lustrinelli erklärte auf seiner Antrittspressekonferenz, dass es ihm weniger um Systeme als um Spielprinzipien gehe. Das ist zwar keine neue Erkenntnis, denn letztlich arbeiten die meisten Profi-Trainer nach diesem Ansatz, ergibt aber absolut Sinn. Die vergangenen Monate bei Union haben gezeigt, dass eine dominante Spielweise mit intensivem Pressing sowie flachen Lösungen im Ballbesitz keineswegs unmöglich ist, sondern durchaus erfolgreich funktionieren kann.
Auf der kurzfristigen, aber wertvollen Arbeit von Interimstrainerin Marie-Louise Eta wird der Schweizer nun aufbauen wollen. Daraus lassen sich bereits erste Rückschlüsse ziehen, welche Spieler von diesem Ansatz profitieren könnten und welche eher nicht.
Während im offensiven Fußball vor allem Technik, schnelle Lösungen und sauberes Kombinationsspiel entscheidend sind, beginnt defensiver Fußball zunächst im Kopf. Spieler müssen bereit sein, unermüdlich Wege zu gehen, konzentriert und vorausschauend zu agieren und erst im nächsten Schritt das direkte Defensivverhalten sauber umzusetzen. Lustrinelli wird deshalb vor allem auf Akteure achten, die genau diese Bereitschaft mitbringen und seine Anforderungen konsequent erfüllen.

Als erstes rückt Andrej Ilić ins Blickfeld. Auf diesen Stürmertyp hat Mauro Lustrinelli fast immer gesetzt – etwa mit Brighton Labeau und Christopher Ibayi. Während bei Labeau vor allem das Verbindungsspiel gefragt war – also Bälle vor der Kette festzumachen und weiterzuverteilen, schätzte Lustrinelli bei Ibayi besonders dessen Boxpräsenz und Abschlussstärke.
Beides gehört auch zum Profil von Ilić. Im Zehnerraum kann er mit dem Rücken zum Tor Bälle sauber abschirmen und Duelle gewinnen. In der Box sorgt er regelmäßig für Gefahr, auch wenn die Chancenverwertung zuletzt noch klar ausbaufähig war. Entscheidend ist aber vor allem seine Fähigkeit als Verbindungsspieler. Hinzu kommen ein gutes Durchhaltevermögen sowie trotz seiner Physis viele intensive Läufe und Sprints – inklusive eines durchaus beachtlichen Tempos für diese Art von Spieler. Er wirkt wie gemacht für die Anforderungen von Lustrinelli.
Als zweites dürfte Ilyas Ansah gute Chancen haben, künftig zum Stammpersonal zu gehören. Er ist nicht nur der laufstärkste Stürmer im Kader, sondern bringt auch ein Hybridprofil aus Physis und Athletik mit. Einen ähnlichen Spielertyp nutzte Lustrinelli in Thun bereits mit Elmin Rastoder bevorzugt im Sturm, um sowohl tiefe Laufwege als auch Zwischenräume zu bespielen.
Generell gilt für den neuen Union-Coach: Die Entwicklung junger Spieler hat Priorität. Der 21-jährige deutsche U-Nationalspieler hat in seiner Debütsaison bereits gezeigt, dass er das Bundesliga-Niveau mitgehen kann. Der nächste Entwicklungsschritt scheint daher naheliegend.
Im Mittelfeld habe ich vor allem András Schäfer im Blick. Er ist ein enorm intensiver Spieler, der seine größten Qualitäten gegen den Ball besitzt und augenscheinlich genau die Mentalität mitbringt, die auf dem Platz gefragt ist. Er könnte sowohl auf der Doppelsechs als Abräumer fungieren als auch weiter vorne im Gegenpressing wertvoll sein. Das einzige Problem bleibt seine geringe Offensivgefahr, die von Lustrinelli aufgrund seiner starken defensiven Fähigkeiten allerdings vermutlich weniger stark gewichtet wird.

Die Defensive befindet sich ohnehin bereits in einem deutlichen Umbruch. Nun kommt zusätzlich ein Spielstil hinzu, der durch seine Intensität und die hohe Anzahl an Defensivaktionen immer wieder eine entsprechend hohe Abwehrlinie erfordert, damit die Zwischenräume nicht zu groß werden.
Dieser Umstand – kombiniert mit dem zuletzt ohnehin schwierigen Stand von Leopold Querfeld im neuen, intensiven Ansatz – rückt ihn stärker denn je in den Fokus bei der Frage, ob er langfristig zu diesem Spielstil passt. Querfeld ist ein robuster Verteidiger im Strafraum und im tiefen Block. Eine hohe Linie abzusichern und häufig dynamische Eins-gegen-eins-Situationen zu verteidigen, gehört dagegen eher nicht zu seinen größten Stärken. Zwar hat Mauro Lustrinelli seinen Ansatz in Thun zwischenzeitlich etwas angepasst und phasenweise konservativer agieren lassen, dennoch werden genau solche Situationen regelmäßig entstehen.
Trotzdem gilt: Auch die Verteidigung bei Standards sowie die eigene Gefahr nach ruhenden Bällen sind Aspekte, auf die Lustrinelli großen Wert legt – und dafür bringt Querfeld durchaus gute Voraussetzungen mit. Generell stellt sich in Berlin-Köpenick die Frage, ob ein weiterer Abgang eines Stamm-Innenverteidigers überhaupt kompensierbar wäre. Die Situation rund um den jungen Österreicher bleibt spannend.
Auch die weiteren Positionen in der Innenverteidigung werfen noch viele Fragen auf. Stanley Nsoki bringt sich aufgrund seiner Dynamik für einen festen Transfer von der TSG Hoffenheim in Stellung. Zudem wird weiterhin auf die offizielle Verkündung des ablösefreien Neuzugangs Zeno Van den Bosch aus Antwerpen gewartet. Van den Bosch überzeugt mit guten vertikalen Pässen sowie antizipativem und handlungsschnellem Verteidigen. Physisch bringt er allerdings einige Fragezeichen mit – Probleme, die bereits in Belgien sichtbar waren.
Auch die Außenverteidigerpositionen müssen insbesondere mit Blick auf eine mögliche Viererkette neu bewertet werden. Auf der linken Seite liegen die Stärken von Derrick Köhn und Tom Rothe klar im Offensivspiel. Die Außenverteidiger von Lustrinelli in Thun waren allerdings nicht dafür bekannt, besonders offensiv eingesetzt zu werden. Vor allem das Verteidigen in einer Viererkette ohne absichernden Halbverteidiger im Rücken erscheint auf der linken Seite daher durchaus problematisch.

Eine erste frühe Einschätzung einer möglichen Startelf könnte aktuell so aussehen: Systematisch erscheint vor allem eine 4-2-2-2-Grundordnung sinnvoll – ein System, auf das Mauro Lustrinelli zuletzt auch beim FC Thun gesetzt hatte. Er bevorzugt sowohl zwei Spitzen als auch zwei Sechser auf dem Platz und sorgt damit für viel Präsenz in den vorderen Räumen. Das hilft sowohl beim mutigen Pressing als auch dabei, nach Ballverlusten sofort ins Gegenpressing zu kommen.
Dennoch bleibt auch ein 3-5-2 ein durchaus realistischer alternativer Ansatz – insbesondere aufgrund der aktuell noch offenen Besetzung in der Innenverteidigung sowie der defensiv anfälligeren Außenverteidiger. Auf seiner ersten Pressekonferenz ließ Lustrinelli die Frage nach der konkreten Grundordnung bewusst offen. Das spricht dafür, dass er zunächst die kommenden Transferentscheidungen abwarten möchte, um anschließend zu bewerten, welche Spieler ihm zur Verfügung stehen und wie diese bestmöglich eingesetzt werden können.
In meinem Video bin ich außerdem ausführlich auf die Unterschiede zwischen dem FC Thun und Union Berlin eingegangen und habe den Kader genauer analysiert. Schaut dort gerne ebenfalls vorbei – einfach hier klicken.
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