Unions Abwehr vor großem Umbruch im Sommer
Beim 1. FC Union Berlin deutet vieles darauf hin, dass der kommende Sommer im Abwehrzentrum tiefgreifende Veränderungen mit sich bringen wird. Während Trainer Steffen Baumgart klar an der Dreierkette festhält und diese öffentlich als eine der zentralen Stärken seiner Mannschaft bezeichnet, gerät die personelle Basis dieses Systems zunehmend ins Wanken.
Mehrere Verträge laufen perspektivisch aus, Zukunftsfragen sind ungeklärt, und gleichzeitig stehen potenzielle Neuzugänge im Raum, die bislang nicht offiziell bestätigt sind. Aus einer bisher stabilen Position könnte sich damit innerhalb weniger Monate eine der größten Baustellen im gesamten Kader entwickeln.
Die strukturelle Bedeutung der Innenverteidigung ergibt sich dabei unmittelbar aus der Spielidee. Baumgart ließ nach dem 0:4 gegen den FC Bayern München keinen Zweifel daran, dass die Dreier- beziehungsweise Fünferkette das bevorzugte System bleibt. Damit steigt automatisch die Anforderung an Qualität und Tiefe auf dieser Position. Union benötigt nicht nur drei verlässliche Stammspieler, sondern auch Alternativen, die dieses Niveau mitgehen können. Genau an dieser Stelle zeigt sich aktuell eine auffällige Diskrepanz zwischen sportlicher Qualität und mittelfristiger Planungssicherheit.
Danilho Doekhi (27)

Der Niederländer ist sportlich weiterhin einer der absoluten Fixpunkte. 27 Bundesliga-Spiele, alle von Beginn an, kein einziges verpasst – dazu vier Tore und eine Vorlage. Seine Werte unterstreichen das Gesamtbild: 64 Prozent gewonnene Zweikämpfe, 67 Prozent gewonnene Luftduelle. Doekhi ist nicht nur defensiv stabil, sondern auch bei Offensivstandards ein entscheidender Faktor und kommt seit seinem Wechsel 2022 auf 15 Treffer für Union.
Die sportliche Bedeutung ist damit unstrittig. Die Zukunft dagegen kaum planbar. Nach Sky-Informationen bleibt der Plan bestehen, den Verein im Sommer ablösefrei zu verlassen. Zahlreiche Anfragen aus dem In- und Ausland unterstreichen seine Attraktivität. Für Union bedeutet dies, eine tragende Säule ohne finanzielle Gegenleistung ziehen lassen zu müssen – ein Szenario, das zwar wirtschaftlich bitter ist, aber aufgrund der Priorität des Klassenerhalts in Kauf genommen wurde.
Diogo Leite (27)

Auf der linken Seite bringt Leite ein Profil mit, das im Kader schwer zu ersetzen ist. Als Linksfuß ist er für den Spielaufbau in der Dreierkette besonders wertvoll und sorgt für Balance im System. Seit seinem Wechsel vom FC Porto im Sommer 2022 kommt er bereits auf 129 Pflichtspiele für Union. In dieser Saison stand er – wenn fit – immer im Kader und 16-mal in der Startelf. Seine Zahlen mit 55 Prozent gewonnenen Zweikämpfen und 54 Prozent in der Luft sind solide, sein eigentlicher Wert liegt jedoch im Aufbau und in der Strukturierung des Spiels.
Auch bei ihm ist die Perspektive über den Sommer hinaus völlig offen. Es gibt anhaltendes Interesse aus der Serie A sowie von mehreren Bundesligisten, wobei zuletzt sogar Borussia Dortmund als potenzieller Abnehmer gehandelt wurde. Eine Vertragsverlängerung gilt derzeit als äußerst unwahrscheinlich. Horst Heldt (Geschäftsführer vom 1. FC Union Berlin) betonte zwar zuletzt, dass weder im vergangenen Sommer noch im Winter offizielle Angebote vorlagen, die einen Verkauf forciert hätten, doch an der grundsätzlichen Ausgangslage für den kommenden Sommer ändert das wenig. Union droht hier der Verlust eines weiteren Stammspielers, für den man einst inklusive Leihgebühr rund 7,5 Millionen Euro investiert hat, ohne nun einen Transfererlös generieren zu können.
Leopold Querfeld (22)

Während um ihn herum vieles in Bewegung ist, hat sich Querfeld längst zur verlässlichen Konstante entwickelt. Der Österreicher, der für rund 3 Millionen Euro vom SK Rapid kam, hat seinen Marktwert laut transfermarkt.de mittlerweile auf geschätzte 18 Millionen Euro gesteigert. Er absolvierte in dieser Saison jedes Spiel über die volle Distanz, in dem er zur Verfügung stand, und musste lediglich einmal aufgrund einer Gelbsperre aussetzen. Mit 60 Prozent gewonnenen Zweikämpfen und 64 Prozent gewonnenen Luftduellen liefert er sehr stabile Defensivwerte, die ihn im mannschaftsinternen Vergleich direkt hinter Doekhi positionieren.
Bemerkenswert ist zudem seine Ruhe am Ball, die ihn statistisch zum aktuell besten Aufbauspieler in Unions Defensive macht. Cheftrainer Steffen Baumgart sieht in ihm bereits einen Spieler, der das Potenzial hat, eine der tragenden Säulen zu werden, die die Mannschaft in der kommenden Umbruchphase dringend benötigt. Angesichts seiner rasanten Entwicklung und der Tatsache, dass er auch die Mitverantwortung bei Elfmetern übernimmt, dürfte Querfeld unabhängig von allen anderen Personalien als der zentrale Fixpunkt in die kommende Saison gehen. Er ist das Fundament, um das herum die neue Abwehrreihe aufgebaut werden muss.
Stanley Nsoki (26)

Die Situation bei Nsoki ist deutlich schwerer einzuordnen, da er aktuell lediglich auf Leihbasis von der TSG Hoffenheim für die Berliner aufläuft. Er brachte von Beginn an ein physisch spannendes Profil mit, das sich durch eine Zweikampfquote von 65 Prozent und starke 77 Prozent gewonnene Luftduelle auszeichnet. Mit einer Spitzengeschwindigkeit von 34,6 km/h gehört er zudem zu den schnellsten Innenverteidigern der Liga, was ihm besonders in der Absicherung tiefer Räume Vorteile verschafft. Vor allem während der verletzungsbedingten Abwesenheit von Diogo Leite rückte der Franzose verstärkt in den Fokus und konnte zeigen, dass er eine ernsthafte Alternative auf der linken Seite der Dreierkette darstellt.
Ob Union Nsoki über den Sommer hinaus fest verpflichtet, bleibt vorerst ungewiss. Medienberichten zufolge soll eine Kaufoption in Höhe von rund 3 Millionen Euro bestehen, was angesichts der drohenden Abgänge von Doekhi und Leite eine wirtschaftlich attraktive Lösung darstellen könnte. Baumgart betonte jedoch zuletzt, dass man sich in der Zusammenarbeit noch am Anfang befinde, und auch der Spieler selbst fokussiert sich nach eigenen Angaben vorerst nur auf das Hier und Jetzt. Nsoki liefert sportliche Argumente für eine Weiterverpflichtung, ist aber zum jetzigen Zeitpunkt noch keine fest planbare Größe für die Kaderstruktur der neuen Spielzeit.
Oluwaseun Ogbemudia (19)

Mit Ogbemudia rückt ein Spieler in den Fokus, der bislang eher als langfristiges Perspektivprojekt galt, nun aber schneller als gedacht eine Rolle spielen könnte. Der Innenverteidiger verlängerte seinen Vertrag Anfang des Jahres bis 2029 und wurde bewusst zum SV Waldhof Mannheim verliehen, um in der 3. Liga die nötige Spielpraxis zu sammeln. Diese Leihe entwickelt sich bislang optimal, da sich das Talent sofort einen Stammplatz erarbeitet hat. Mit 72 Prozent gewonnenen Defensiv-Duellen und 12,5 Defensivaktionen pro 90 Minuten liefert er Werte, die ihn zu den auffälligsten Innenverteidigern der gesamten 3. Liga in diesen Kategorien machen.
Wir haben einen Talentexperten zu dieser Personalie befragt und haben dazu folgende Einordnung erhalten: „Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass er Innenverteidiger Nr. 4 werden kann und durchaus Spielzeit sammeln kann. Man hat ihn damals mit dem klaren Ziel geholt, dass er eine Chance bei den Profis bekommt. Ich gehe fest davon aus, dass er in der Vorbereitung überzeugen kann.“
Diese Einschätzung deckt sich mit dem bisherigen Verlauf. Ogbemudia sammelt nicht nur Minuten, sondern entwickelt sich zu einer ernsthaften Option für den Profikader – und könnte im Sommer genau zur richtigen Zeit bereit sein.
Zeno van den Bosch (22)

Die Personalie van den Bosch steht sinnbildlich für die aktuelle Entwicklung. Laut Informationen von Sky und kicker ist der ablösefreie Wechsel des Belgiers vom Royal Antwerp FC bereits seit Januar fix, inklusive bestandenem Medizincheck und einem langfristigen Vertrag bis 2030. Obwohl eine offizielle Bestätigung durch Union weiterhin aussteht, gilt der Transfer als offenes Geheimnis. Der 22-Jährige bringt trotz seines jungen Alters bereits die Erfahrung aus 133 Profieinsätzen mit und gilt als technisch versierter Innenverteidiger mit Stärken in der Spieleröffnung und Progressivität.

Allerdings zeigen seine statistischen Werte auch, dass er kein direkter Eins-zu-eins-Ersatz für einen physisch dominanten Spieler wie Doekhi wäre. Seine Luftzweikampfquote von aktuell 47 Prozent liegt deutlich unter dem Niveau, das Baumgart in seinem System normalerweise von den zentralen Verteidigern verlangt. Dies deutet darauf hin, dass Union im Sommer nicht nur personell ersetzt, sondern die gesamte Statik der Defensive teilweise neu ausrichten könnte. Van den Bosch wäre demnach eher ein Baustein für ein spielerisch variableres Agieren, während die physische Komponente möglicherweise durch andere Neuzugänge oder die Weiterentwicklung von Spielern wie Querfeld kompensiert werden muss.
In der Gesamtbetrachtung verdichtet sich das Bild eines Sommers, in dem Union Berlin seine Innenverteidigung grundlegend neu aufstellen muss. Querfeld ist als zentrale Säule gesetzt, Ogbemudia drängt aus der zweiten Reihe nach, und van den Bosch könnte als neuer Baustein hinzukommen. Dem gegenüber stehen die unsicheren Perspektiven von Doekhi, Leite und Nsoki.
Gerade weil das System auf einer stabilen Dreierkette basiert, wird die Qualität dieser Entscheidungen maßgeblich für den Erfolg oder Misserfolg in der kommenden Saison sein. Aus einer bisherigen Stärke könnte damit innerhalb kurzer Zeit der größte Prüfstein im Kader werden.
Wer könnte der wichtigste Spieler neben Leopold Querfeld werden?





















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