©Getty/LigaInsiderSt. Pauli gegen die Wölfe: Der Kampf ums Überleben
Für den FC St. Pauli und den VfL Wolfsburg geht es im direkten Duell am Millerntor um nicht weniger als das sportliche Überleben. Die Ausgangslage vor dem letzten Spieltag ist hochspannend: Beide Teams schielen mit einem Auge auf den 1. FC Heidenheim.
Sollte der Konkurrent gegen den 1. FSV Mainz in Führung gehen, ist ein Unentschieden für beide zu wenig. Besonders St. Pauli steht aufgrund des schlechteren Torverhältnisses unter Zugzwang, darf aber nicht kopflos agieren. Es erwartet uns ein taktisches Schachspiel, in dem Nuancen, Nerven und späte Wechsel den Ausschlag geben werden.
Trainer Alexander Blessin musste seine Defensive aufgrund anhaltender personeller Sorgen mehrmals umbauen. Da Manolis Saliakas ohnehin ausfällt, ist Arkadiusz Pyrka auf der rechten Schiene gesetzt. Im Zentrum der Dreierkette dürfte Eric Smith agieren. Dass er dort spielt, liegt nicht nur an den Ausfällen, sondern auch daran, dass ihm nach seiner Verletzungshistorie die läuferische Fitness für die laufintensive Sechserposition fehlt. Hauke Wahl kämpfte zuletzt mit Magenproblemen, könnte aber für defensive Stabilität sorgen.

Aufstellung




Kaars


Hountondji


Metcalfe


Oppie


Pyrka


Irvine


Fujita


Wahl


Dźwigała


Andō


Vasilj
VfL Wolfsburg|1:3Bank




Auf der linken Seite präsentierte sich Louis Oppie nach wochenlanger Pause gegen RB Leipzig sehr griffig, auch wenn er – wie viele Spieler des Gastgebers – derzeit mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat. Eine Schlüsselrolle kommt Tomoya Andō zu. Gegen Leipzig hatte er den schnellen Yan Diomande hervorragend im Griff – eine Blaupause für das Duell mit Wolfsburgs pfeilschnellem Adam Daghim.
Taktisch könnte St. Pauli gegen den Ball zeitweise in ein eher tiefes 5-4-1-System zurückfallen, genau wie gegen RB Leipzig. Blessin verzichtete dort über 80 Minuten auf ein dauerhaft hohes Anlaufen und ließ den gegnerischen Innenverteidigern viel Raum. Dieser abwartende Ansatz ergibt auch gegen Wolfsburg Sinn: Der VfL hat seine größte Stärke im Umschaltspiel über Daghim.
Zieht sich St. Pauli tief in die eigene Hälfte zurück, nimmt man dem jungen Wolfsburger genau jenen Platz, den er für seine Sprints zwingend benötigt. Zudem muss St. Pauli gegen die Wölfe keinen doppelt besetzten Flügel verteidigen und muss den Fokus vermehrt ins Zentrum richten, wo mit Christian Eriksen und Lovro Majer spielstarke Gegenspieler zu finden sind.

Aufstellung




Pejčinović


Daghim


Eriksen


Mæhle


Svanberg


Kumbedi


Vini Souza


Vavro


Belocian


Koulierakis


Grabara
FC St. Pauli|1:3Bank




Im eigenen Ballbesitz scheut St. Pauli das Risiko im Zentrum. Die Defensive um Torhüter Nikola Vasilj meidet die flachen Pässe durch die Mitte neuerdings, nachdem es etwa gegen Mainz dort einen fatalen Ballverlust vor dem eigenen Sechzehner gab. Dennoch ist man auf ein sauberes Passspiel im Zentrum angewiesen, um die eigenen Angreifer in die passenden Positionen zu bekommen.

Offenes Zentrum nach Ballverlust: Joel Fujita wurde gestoppt. Während die Fünferkette des FC St. Pauli steht, aber noch abwartend agiert, ist davor Platz.
In der Offensive ruhen die Hoffnungen auf Umschaltmomenten über Andréas Hountondji und Martijn Kaars. Hountondji muss ein hohes Laufpensum abspulen, sucht immer wieder die Tiefe und reibt sich auf. Dies birgt jedoch zwei Gefahren: Einerseits droht er konditionell im Laufe der zweiten Halbzeit einzubrechen, andererseits trifft er nach intensiven Sprints oft überhastete Entscheidungen im letzten Drittel.

St. Pauli wird gegen den Ball vermutlich zentrumslastiger agieren als gegen Leipzig, wo Flügelspieler von Weltklasse-Format im Zaum gehalten werden mussten. Die Schienenspieler können positionsgetreu aufgenommen werden. Wo findet Wolfsburg aus dem Spiel heraus eine Lücke?
Vergleicht man die Anzahl der Sprints pro Spiel der Offensivspieler, fällt auf, dass der langfristige Ausfall von Mathias Pereira Lage schwer wiegt: In dieser Saison bot er durchschnittlich 21,4 Sprints pro Spiel an und damit eine Vielzahl an schnellen Wegen in die Tiefe, während Hountondji und Kaars auf Werte von 15,8 bzw. 16,1 kommen. Zum Vergleich: Danel Sinani zieht pro Partie 8,5 Sprints an. Seine Rolle in der Offensive ist eine ganz andere: Er ist kein Tiefenläufer, sondern lässt sich als Spielmacher immer wieder ins Mittelfeld fallen.
Sollte St. Pauli in der Schlussphase ein Tor benötigen, hat Trainer Alexander Blessin einen Trumpf auf der Bank: Abdoulie Ceesay. Er funktioniert derzeit hervorragend als freies Radikal, ist taktisch zwar noch nicht voll in die defensiven Strukturen integriert, besticht aber als eiskalter Joker. Gegen Leipzig war er nach Einwechslung erneut zur Stelle und verwandelte einen Flipper-Ball eiskalt. Wenn die Beine der Wolfsburger Verteidiger schwer werden, ist Ceesay die personifizierte Torgefahr.
Der VfL Wolfsburg hat unter Dieter Hecking zu defensiver Stabilität in einem 5-3-2-Mittelfeldpressing gefunden. Wie gefährlich die Wölfe sein können, zeigten sie gegen Bayern München, als sie in der ersten Halbzeit vor allem durch Umschaltmomente enormen Druck erzeugten und sich einen Expected-Goals-Wert von beeindruckenden 2,4 erspielten.
Trotz der Formkurve bietet der VfL Angriffsflächen für St. Pauli. Eine Schwachstelle mit dem Ball ist Torwart Kamil Grabara, der verunsichert wirkt. Auch wenn St. Pauli generell nicht hoch presst, könnten gezielte, punktuelle Pressingauslöser auf Grabara vielversprechende Ballgewinne provozieren. Zudem agiert die Dreierkette um Jeanuël Belocian, Denis Vavro und Konstantinos Koulierakis im progressiven Passspiel limitiert, was St. Paulis tiefer Blockbildung entgegenkommt.
Im Mittelfeld müssen die Kiezkicker jedoch höllisch aufpassen. Vini Souza agiert als starker Zweikämpfer und Staubsauger vor der Abwehr, der sich auch immer wieder resolut in Offensivaktionen einschaltet. Eine bittere Pille für Wolfsburg ist die Oberschenkelverletzung von Patrick Wimmer. Für ihn dürften Lovro Majer oder Mattias Svanberg auflaufen. Letzterer bewies gegen die Bayern mit einem Pfostenschuss seine Torgefahr und könnte die Zentrale noch robuster machen.

Torgefahr durch Souza: Joakim Mæhle flankt gegen die Bayern von links, während der defensive Mittelfeldspieler einläuft und über Umwege zum Kopfball kommt, den Jonas Urbig pariert.
Besondere Vorsicht ist bei ruhenden Bällen geboten. Eriksen ist mit seinen präzisen Ecken und Freistößen der Dreh- und Angelpunkt. St. Pauli darf sich keine unnötigen Fouls im Halbfeld erlauben. In vorderster Front wird sich Daghim an St. Paulis Kette aufreiben. Sollte er – wie gegen Bayern – irgendwann ausgepumpt sein, hat Hecking mit dem quirligen Kento Shiogai einen passenden Ersatz auf der Bank, während Mohamed Amoura zuletzt nicht berücksichtigt wurde.
Letztlich wird die Partie eine Frage der Geduld. Beide Teams wissen um ihre Anfälligkeiten im Spielaufbau und werden den ersten Fehler des Gegners abwarten. St. Pauli muss die Räume für Daghims Sprints schließen, Grabara bei Rückpässen isoliert stressen und auf die Umschaltmomente von Hountondji setzen. Wolfsburg wird versuchen, das Zentrum mit Souza zu dominieren und auf die Standard-Qualitäten von Eriksen hoffen.
Je länger es 0:0 steht, desto mehr richten sich die Blicke nach Heidenheim. Sollte St. Pauli gezwungen sein, das Risiko zu erhöhen, wird das Spiel wilder werden. Dann schlägt die Stunde der Joker: Ein fitter Ceesay gegen eine womöglich ermüdete Wolfsburger Dreierkette könnte genau das Mismatch sein, das den FC St. Pauli im entscheidenden Moment vor dem Abstieg rettet. Es wird kein fußballerischer Leckerbissen, sondern ein Abnutzungskampf, bei dem mentale Frische und taktische Disziplin über Sein oder Nichtsein entscheiden.
Welches Duell wird das Spiel entscheiden?






































Kommentare3
Diskutiere mit der Community über diesen Artikel