Leopold-Transfer: Zentrale Säule fürs neue Gladbach?
Borussia Mönchengladbach hat die nächste wichtige Weichenstellung für die kommende Bundesliga-Saison vorgenommen und Enzo Leopold verpflichtet. Nun ging alles ganz schnell: Da sein Arbeitspapier bei Hannover 96 ausläuft, wechselt der etatmäßige Anführer, der bei den Niedersachsen in der abgelaufenen Spielzeit sogar die Kapitänsbinde trug, ablösefrei zur Borussia. Dort hat er einen langfristigen Vertrag bis 2030 unterschrieben.
In Hannover war Leopold der absolute Dauerbrenner: Er bestritt in der vergangenen Saison jedes einzelne Pflichtspiel und glänzte dabei mit drei Toren sowie vier Vorlagen – Top-Werte für einen ballstarken Sechser, dessen primäre Aufgabe nicht Tore und Vorlagen sind. Wir analysieren im Detail, wie der Neuzugang die schmerzhaften Abgänge im Gladbacher Mittelfeld auffangen soll, wo seine Stärken liegen und wie das Zusammenspiel mit Jens Castrop aussehen könnte.
Die Notwendigkeit für diesen Transfer wird beim Blick auf die Gladbacher Abgangsliste deutlich. Die Borussia verliert mit Rocco Reitz und dem nach seiner Leihe abwandernden Yannik Engelhardt zwei absolute Säulen der vergangenen Spielzeit. Leopold soll diese Lücke schließen.
Um die Spieler bestmöglich zu vergleichen, nutzen wir die Leistungswerte pro 90 Minuten. Hierbei muss dringend berücksichtigt werden, dass Leopolds Werte in der 2. Bundesliga gemessen wurden, während Reitz und Engelhardt sich in der Bundesliga beweisen mussten. Das Liganiveau hat folglich einen spürbaren Einfluss auf die Datenbasis.

Beim Blick auf die Torgefahr strahlt Leopold eine ähnliche Gefahr aus wie Engelhardt, womit diese sich torgefährlicher präsentieren als Rocco Reitz. Das kann man grundsätzlich als positives Add-on betrachten. Geht es um das Kreieren von Großchancen, bewegen sich Reitz und Leopold auf einem ähnlich kreativen Niveau. Einen drastischen Unterschied gibt es jedoch bei den reinen Torschussvorlagen: Hier thront Leopold auf einem herausragenden Wert, wohingegen Reitz eher durchschnittlich liefert und Engelhardt kaum Akzente im Angriffsaufbau setzte.
Interessant ist die Art und Weise, wie die Akteure den Ball nach vorne treiben. Reitz suchte im ligaweiten Vergleich sehr häufig das erfolgreiche Dribbling. Leopold wählt deutlich seltener den Weg über das Eins-gegen-Eins, Engelhardt fiel im Dribbling fast überhaupt nicht auf. Stattdessen verlagert Leopold das Spiel lieber mit präzisen, langen Bällen. Vollends unschlagbar ist der Hannoveraner Neuzugang bei der allgemeinen Passsicherheit: Mit dem bestmöglichen 99. Perzentil bei den erfolgreichen Pässen lässt er sowohl Engelhardt als auch Reitz meilenweit hinter sich.
Auch gegen den Ball bringt Leopold spannende Facetten mit. Seine größte Stärke in der Defensive ist das Stellungsspiel: Er fängt, ähnlich wie Reitz, gegnerische Pässe hervorragend ab, was am hohen Interceptions-Wert zu erkennen ist. Im direkten, physischen Duell hält sich der Neuzugang allerdings merklich zurück. Bei den Luftzweikämpfen liegt Leopold auch fast gleichauf mit Reitz. Am Boden wird der Kontrast deutlicher: Während Reitz und Engelhardt klassische Abräumer im Zweikampf waren, fällt Leopold in der quantitativen Zweikampfführung ab. Ein schlechter Zweikämpfer ist er jedoch nicht. Leopold agiert defensiv extrem sauber und zieht selten Fouls, während Reitz und insbesondere Engelhardt deutlich rüder zu Werke gingen.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Enzo Leopold kopiert weder den Spielstil von Reitz noch den von Engelhardt, sondern bringt ein völlig neues Profil in den Borussia-Park. Er antizipiert viel gegen den Ball und fängt diese so ab. Im Spielaufbau ist er ein aktiver Ballverteiler, der auch kreativ sein kann.
Besonders spannend wird das zukünftige Zusammenspiel mit Jens Castrop. Der Allrounder musste in der abgelaufenen Saison in Gladbach immer wieder auf den Schienenpositionen aushelfen. Für die neue Spielzeit könnte er jedoch fest für seine angestammte Position im Zentrum auf der Acht eingeplant sein – direkt neben Enzo Leopold.
Um das Zusammenspiel dieser beiden Akteure im Mittelfeld perfekt zu beleuchten, werfen wir einen Blick auf Castrops Daten aus der Vorsaison (2024/25) beim 1. FC Nürnberg. Damals spielte auch er primär im zentralen Mittelfeld und in der 2. Bundesliga, was einen exzellenten, ligaunabhängigen Vergleich liefert.

In einigen Aspekten ergänzen sich Castrop und Leopold, nehmen somit zukünftig wohl Arbeitsteilung vor. Dazu zählen vor allem die Torgefahr, die Kreation von Großchancen oder Torschussvorlagen.
Der erste deutliche Unterschied offenbart sich jedoch im Dribbling: Castrop reißt Räume mit dem Ball am Fuß auf, während Leopold das Risiko im Dribbling meidet. Dafür übernimmt er die Spielkontrolle durch viele, gute vertikale Pässe: Bei den erfolgreichen langen Pässen ist er Castrop klar überlegen. Das spiegelt sich auch im gesamten Passspiel wider, wo Leopold seine größte Stärke wiederfindet, während Castrop im Spielaufbau noch deutliche Luft nach oben aufweist.
Im Defensivverhalten teilen sich die beiden die Aufgaben künftig perfekt auf. Leopold fängt primär die Pässe ab, während Castrop eher über das direkte Duell kommt und dort Ballgewinne erzielt. Castrop konnte seine Tacklingqualitäten sogar in der abgelaufenen Bundesligasaison nochmal deutlich steigern und weist dort starke Werte auf. Am Boden brennt bei ihm ebenso nichts an: Er pflügt durch die Bodenzweikämpfe, während Leopold sich eher zurückhält. Castrop fungiert als die intensive Pressingmaschine, welche den Gegner attackiert, dabei robust zu Werke geht und mit Fouls auch mal ein taktisches Zeichen setzen kann, auch wenn er hier noch an seiner emotionalen Verarbeitung nachschärfen muss und cleverer werden kann. Leopold hingegen sichert den Raum ab.
Neben Leopold wurde mit David Herold bereits ein neuer Spieler für die linke Außenbahn verpflichtet. Zudem steht auch der Wechsel des Rechtsverteidigers Yukhym Konoplya offenbar kurz bevor. Damit deutet sich in Gladbach eine taktische Generalüberholung an. Von der linken Schiene über das Zentrum bis zur rechten Außenbahn könnte die Borussia künftig mit einem nahezu komplett neuen Viergespann auflaufen.

Obwohl Jens Castrop natürlich faktisch kein echter Neuzugang ist, kann er durch seine feste Verschiebung von der Außenbahn zurück ins Zentrum auf die Acht wie ein neues Element im Gladbacher System betrachtet werden. Das Herzstück aus Leopold auf der Sechs und Castrop auf der Acht verspricht eine perfekte Balance aus spielerischer Eleganz und bedingungsloser Zweikampfhärte. Auch wenn das sehr anders gelingen soll, als noch mit Reitz und Engelhardt.
Aufgrund seines extrem passgenauen Profils, der nachgewiesenen Konstanz in Hannover und den namhaften Abgängen im Gladbacher Mittelfeld wird Enzo Leopold mutmaßlich vom ersten Spieltag an eine tragende Rolle im System einnehmen. Er bringt Qualitäten im Spielaufbau mit, die dem Kader nach den Abgängen dringend fehlten.
Wir prognostizieren Enzo Leopold 2.400–2.700/3.000 Spielminuten in der Bundesliga.
Hinweis: Die Spielzeit ist abhängig von Sperren, Verletzungen, Mehrfachbelastung usw. – die Mehrfachbelastung der Vereine versuche ich ungefähr mit einzukalkulieren. Die ungefähre Maximalspielzeit pro Ligasaison liegt bei ca. 3000 Minuten. Diese hat bspw. Patrick Mainka erreicht, der weder gesperrt noch verletzt war und auch keine europäischen Wettbewerbe gespielt hat. Zum Vergleich liegen Spieler wie Dayot Upamecano oder Jonathan Tah bei rund 1700–2000 Spielminuten und gelten dennoch als Stammspieler. Die Prognose der Spielzeit gilt deshalb als Anhaltspunkt für euch, um besser zu verstehen, welche Rolle ich einem neuen Spieler in seinem Verein zutraue.
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