Leverkusen vor Köln: Variabel, aber anfällig
Das anstehende Derby gegen den 1. FC Köln ist für Bayer 04 Leverkusen mehr als nur ein Prestigeduell: Es geht auch darum, die Chance auf eine erneute Champions-League-Teilnahme zu wahren. Meine Analyse, insbesondere in Bezug auf die vergangenen beiden Pflichtspiele gegen den FC Augsburg und den FC Bayern München, zeigt ein Team, das spielerisch sehr variabel agiert, aber in der defensiven Restverteidigung und bei körperlicher Gegenwehr Schwächen offenbart. Die Kölner werden dies gezielt ausnutzen wollen.
Leverkusen bevorzugt eine V-Form im Ballbesitz, bei der oftmals der linke Halbstürmer sowie der rechte Schienenspieler breit stehen und das Zentrum für einrückende Akteure öffnen. Besonders Alejandro Grimaldo ist hier der entscheidende Faktor. Er agiert nominell links, besetzt im Ballbesitz aber faktisch die Zehner-Position. Dies sorgt für eine Überzahl im Zentrum und ermöglicht gefährliche Schnittstellenpässe auf die schnellen Außen, wie Nathan Tella. Köln muss hier wachsam sein, um nicht in Unterzahl zu geraten.

Grimaldo gegen die Bayern: Drei Spieler können ihn rechts nicht stoppen, ehe er auf Tella in den Rückraum legt. Die vielleicht beste Leverkusener Chance im vergangenen Spiel.
Ein wunder Punkt in Hjulmands System ist das Verhalten nach hohen Ballverlusten, wenn praktisch alle Leverkusener in der gegnerischen Hälfte stehen, um Angriffsdruck aufzubauen. Wird das Gegenpressing nicht dabei schon durch ein kluges Stellungsspiel vorbereitet, entsteht eine große Lücke hinter der eigenen Kette. Die Leverkusener Innenverteidiger besitzen nicht die Physis eines Jonathan Tah oder Dayot Upamecano, um solche Situationen noch zu klären, wobei auch die Abwehrspieler des deutschen Meisters nicht jede Aktion bereinigen können. Für den Effzeh bedeutet das: Ballgewinne können sofort tief in den Raum gespielt werden, wo Said El Mala in seiner leicht zentraleren Rolle die nötige Geschwindigkeit mitbringt.

Chance für Mert Kömür im Spiel gegen den FC Augsburg: Ausreichend Platz für den hohen Ball in die Tiefe, gepaart mit fehlender Geschwindigkeit sowie falscher Positionierung in der Defensive. Mark Flekken pariert den Schuss in diesem Fall aber.
Köln wird bei Gegenangriffen, aber auch im eigenen Positionsspiel, gezielt Eins-gegen-eins-Situationen suchen. Jakub Kamiński kann zweite Bälle aufsammeln und den direkten Weg in die Box suchen.
Auf wen kann Hjulmand in der Leverkusener Dreierkette verzichten?
Das Spiel wird auch im Kölner Strafraum entschieden. Patrik Schick hat gegen körperlich robuste Verteidiger wie Upamecano oder Tah deutliche Nachteile offenbart und konnte als isolierter Wandspieler kaum Bälle behaupten. Vielleicht ist dies der Grund, warum er unter Vorgänger Xabi Alonso in solchen Topspielen oft auf der Bank begann.
Cenk Özkacar ist von der Weltklasse ein gutes Stück entfernt, muss Schick aber auf den Füßen stehen und ihn bereits bei der Annahme stören. Ohne einen physisch präsenten Zielspieler im Zentrum verpuffen die eingestreuten Halbfeldflanken von Edmond Tapsoba, Jarell Quansah oder Montrell Culbreath, die u.a. gegen Augsburg noch zum Erfolg führten.
Ein weiterer Fokus liegt auf Ibrahim Maza. Derzeit wird die Fähigkeit von Trainer Kasper Hjulmand, seine talentierte Truppe weiterzuentwickeln, kritisiert. Maza hat in dieser Spielzeit aber einen beachtlichen Schritt nach vorne gemacht, sodass sich mit Malik Tillman ein anderer, gestandener Neuzugang hinten anstellen muss.
„Er hat eine sehr gute Entwicklung genommen, eigentlich unglaublich“, sagt Hjulmand. „Er lernt sehr schnell, trainiert sehr gut und ist sehr fokussiert. Er mag es auch, wenn wir seine Leistungen mal kritisch sehen. Er ist 20 Jahre alt und hat eine super erste Saison in der Bundesliga gespielt.“
Maza agiert sehr variabel, lässt sich fallen, stößt aber bei Ballverlusten des Gegners sofort in die Tiefe. Das Zusammenspiel zwischen ihm und Grimaldo ist das kreative Herzstück. Kölns Sechser-Duo Martel/Jóhannesson muss hier durch aktive Halbverteidiger und zurückfallende Angreifer unterstützt werden. In der ersten Aufbaulinie agiert oftmals Aleix García, aber auch Exequiel Palacios zwischen den Innenverteidigern, um eine Überzahl herzustellen.
Palacios ist zudem sehr wichtig für das Auslösen des Gegenpressings sowie als Ballabfänger, hatte in dieser Saison aber viel Verletzungspech. Trotz einigen Startelfeinsätzen des Argentiniers hintereinander und nach dem intensiven Spiel gegen die Bayern sieht Leverkusens Coach grundsätzlich kein Problem bei der Frische seiner Akteure: „Ich glaube, die Spieler sind bereit zu spielen. Wir haben gestern natürlich nur Regeneration mit der Startelf gemacht und heute ist es auch ganz ruhig.“

Die Formationen im Leverkusener Ballbesitz. Das Zentrum agiert variabel, sodass Köln für hohe Ballgewinne viel Risiko eingehen muss. Grimaldo wählt zeitweise den Weg auf die andere Seite, während Tella links die Tiefe besetzt.
Montrell Culbreath ist ein hochtalentierter Offensivgeist, aber defensiv noch ein Sicherheitsrisiko, wie der verursachte Elfmeter gegen Augsburg zeigte. Der Kölner Matchplan könnte vorsehen, ihn in Defensivzweikämpfe in der eigenen Box zu zwingen. Wenn El Mala zum Dribbling ansetzt, provoziert das Fehler. Der Spanier Lucas Vázquez wird hingegen nicht zur Verfügung stehen.
Die mangelhafte Chancenverwertung Leverkusens ist zudem ein psychologischer Hebel. Je länger es 0:0 steht, desto mehr stehen die Gäste unter Druck. Die Kölner sind allerdings nicht dafür bekannt, hinten guten Beton anzurühren, auch wenn Trainer René Wagner aktuell glaubt, dort eine gute Besetzung gefunden zu haben. Das heimische Publikum kann dennoch als Katalysator wirken, um die Hektik bei Bayer zu erhöhen. Wagner muss seiner Mannschaft klarmachen, dass Passivität tödlich ist; aggressives Anlaufen (in Intervallen) hingegen – wie es die Bayern demonstrierten – nimmt Leverkusen die Lust am Ballbesitz.
Die Kölner Abwehrkette muss dabei einen kühlen Kopf bewahren, wenn Leverkusen durch Grimaldo oder Maza Überzahlmomente kreiert. Die Verschiebebewegungen müssen präzise sein, um das „V“ der Leverkusener Formation zu spiegeln und die Außenbahnen zuzustellen.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Leverkusen ist spielerisch eine Klasse für sich, aber verwundbar, wenn der Rhythmus gebrochen wird. Wenn Köln die sich ergebenden Lücken nutzt, Schick physisch entnervt und Nachlässigkeiten nutzt, ist ein Punktgewinn möglich. Dazu setzt René Wagner auf eigene Ballbesitzphasen seines Teams, die Leverkusen in das ungeliebte Spiel gegen den Ball zwingen sollen.

Aufstellung




Schick


Maza


Tella


Grimaldo


Culbreath


Aleix García


Palacios


Andrich


Tapsoba


Quansah


Blaswich
1. FC Köln|1:2Bank





Meist diskutiert
Nächste Spiele
Leichtes ProgrammØ Liga 15,6
Basis: Vorsaison





























Kommentare16
Diskutiere mit der Community über diesen Artikel